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Die neue Erdgas-Supermacht

Stefan Schlapbach @, Montag, 22. März 2010, 22:12 (vor 171 Tagen)
bearbeitet von Stefan Schlapbach, Montag, 22. März 2010, 23:06

Die Vereinigten Staaten haben Russland bei der Förderung des Energieträgers abgehängt. Das wird in Deutschland die Preise sinken lassen meinen Experten.

Von Nikolaus Piper (Original PDF-Datei)

New York - Die Nachricht ging Ende Februar fast unter. Der japanische Mischkonzern Mitsui & Co kündigte an 1,4 Milliarden Dollar in ein Gemeinschaftsprojekt mit der US Ölgesellschaft Anadarko Petroleum investieren zu wollen. Die beiden Unternehmen werden gemeinsam Erdgas in Pennsylvania fördern. Schon im Dezember hatte der Ölmulti Exxon nicht weniger als 31 Milliarden Dollar ausgegeben um den unabhängigen Erdgasförderer XTO zu kaufen. Einen Monat zuvor investierte der norwegische Staatskonzern Statoil 3,37 Milliarden Dollar in ein Gasprojekt mit der Fördergesellschaft Chesapeake Energie.

Die Konzerne wollen von einem Trend profitieren der gegenwärtig fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit Energiewirtschaft und -politik verändert. Die Vereinigten Staaten sind dank neuer Fördertechniken dabei Erdgas Grossmacht zu werden. Im vergangenen Jahr förderten die USA erstmals mehr Erdgas als Russland. Bis Oktober 2009 war nach einer Mitteilung des Energieministeriums die US Produktion um 3,9 Prozent auf 519 Milliarden Kubikmeter gestiegen die russische um 17 Prozent auf 462 Milliarden Kubikmeter gesunken. Die Zahlen dürften zwar den Trend überzeichnen, an der wachsenden Bedeutung Amerikas auf dem Erdgasmarkt besteht aber kein Zweifel. Die Folgen werden auch in Deutschland zu spüren sein.

Wichtigste Ursache der Entwicklung in den USA ist die Förderung von Erdgas aus sogenannten unkonventionellen Quellen, vor allem aus Schieferschichten Dass Schiefer Erdgas enthält ist schon lange bekannt Die Förderung galt jedoch bis vor kurzem als unwirtschaftlich Zwei technische Neuerungen haben dies grundlegend geändert horizontale Bohrungen mit einem drehbaren Bohrmeissel und das hydraulische Aufspalten von Gesteinsschichten. Ungefähr zehn Prozent der amerikanischen Erdgasproduktion stammen heute schon aus Schieferschichten. Das größte Vorkommen ist das Marcellus Feld das sich unter den Appalachen von Virginia über Pennsylvania bis in den Staat New York ausdehnt. Genau hier investieren auch die Konzerne Mitsui Statoil und Exxon.

Zwei technische Innovationen haben die Produktion wirtschaftlich gemacht.
Die Geologen Terry Engelder von der Pennsylvania State University und Gary Lash von der State University of New York halten Marcellus für das zweitgrösste Gasfeld der Erde. Es enthalte zwischen fünf und 15 Billionen Kubikmeter Erdgas, schreiben sie in einer Studie. Davon könnten 1,5 Billionen mit der heute verfügbaren Technik gefördert werden. Das ist fast doppelt so viel, wie die USA derzeit insgesamt im Jahr produzieren. "Die neue Technik könnte den Wert der Energiereserven der USA um eine Billion Dollar erhöhen", heisst es in dem Papier. Und obwohl die USA Jahr für Jahr an die 600 Milliarden Kubikmeter fördern, steigen die nutzbaren Erdgasreserven immer weiter im vergangenen Jahr allein um drei Prozent. Die Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen. Gas wird auf absehbare Zeit billig bleiben und Konkurrenten dieser Energiequelle bekommen Probleme. Das gilt für erneuerbare Energien, vor allem aber für die Kernenergie. Derzeit kostet Erdgas auf dem Spotmarkt - also im Handel mit täglich verfügbaren Mengen - ein Drittel weniger als Erdöl, rechnet Kurt Wolff vor, ein unabhängiger Energie Analyst aus Boston. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie unter diesen Bedingungen eine Renaissance der Nuklearenergie funktionieren soll". Windenergie werde ohnehin nur eine "Nischenrolle" spielen meint Wolff.

Die Gasschwemme in den USA hat auch Folgen für Deutschland. "Wenn wir unseren Bedarf selbst decken können, stehen grosse Mengen zusätzlich zur Verfügung. Das kommt Asien und Europa zugute", sagt Wolff. "Sie haben jetzt eine Alternative zu Russland." Ausserdem müssten die Preise in Deutschland sinken. Man könne nicht auf Dauer "weit weg von der Realität" leben. Der Exxon Konzern kündigte unterdessen an, unkonventionelle Erdgasvorkommen auch in Deutschland und Polen entwickeln zu wollen.

Die Folgen des Erdgas Booms für die Ökologie sind gemischt. Auf der einen Seite verursacht die Förderung Umweltschäden. Wasser wird verbraucht, Chemikalien werden eingesetzt, es ist laut. Ausserdem lässt der Druck nach, Energie zu sparen. Auf der anderen Seite entsteht beim Verbrennen von Gas nur halb so viel Kohlendioxid wie bei Kohle. Für das Klima ist jedes Gaskraftwerk das einen Kohlemeiler ersetzt ein Fortschritt.

Original PDF-Datei

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